Teil I der Sommerartikelreihe: Klöster, Kunst und Museen
In der Sommerzeit lassen viele Menschen den Arbeitsalltag zurück und haben Muße, sich auf die Suche nach neuen Entdeckungen zu machen und sich überraschen zu lassen. Die freie Zeit gibt Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen oder im Unterwegssein Kunst und Architektur zu begegnen.
Klöster bieten dazu überall in Europa vielfältige Anknüpfungspunkte. Ihre Kunstschätze, Architektur, Bibliotheken oder klostereigene Museen eröffnen die Möglichkeit niederschwelliger Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Europas. Orden.de präsentiert in diesem Sommer in einer Artikelreihe unter dem Titel „Klöster, Kunst und Museen“ Beispiele dafür. Sie bietet Einblicke in die vielfältige europäische Klosterlandschaft und zeigt auf, wo einige von ihnen selbst in Ausstellungen und Museen in den Dialog mit Gegenwart, Geschichte und Kunst eintreten.
Dieser Artikel widmet sich – mit einem Seitenblick in die französischsprachige Schweiz – dem Südosten Frankreichs. Die warme Sommerluft, und der Duft des Meeres – vielleicht auch das Wehen des Hl. Geistes – sind Wegbegleiter auf dieser Reise.
«à quoi servent les moines?» („Wozu dienen die Mönche?“)
Skulpturenausstellung von Jean-Pierre Augier
Alberto Fernandez Fernandez, CCA 2.5. wikimediaAbtei Lérins – Zisterzienser von der Unbefleckten Empfängnis
Beginnen wir unsere Reise ganz im Süden – an der französischen Riviera. Der Stadt Cannes vorgelagert liegen im Mittelmeer zwei Inseln. Seit 16 Jahrhunderten ist eine von ihnen, die Insel Saint-Honorat, Heimat einer monastischen Gemeinschaft. Die natürlichen Grenzen der Insel und die Mauern der Abtei verleihen dem Ort eine besondere Atmosphäre. Auf dem Gebiet der Insel befinden sich 8,5 Hektar Weinberge, das Abteigebäude aus dem 19. Jahrhundert, ein mittelalterlicher Kreuzgang aus dem 12. und 13. Jahrhundert, ein Turmkloster und sechs Kapellen.
21 Mönche leben derzeit in diesem Kloster und betreiben neben ihrem Gebetsleben Weinanbau und Likörproduktion, eine Gaststätte und einen Klosterladen.
Während des gesamten Sommers 2025 wird in der Kapelle Saint-Pierre im Süden der Insel, in unmittelbarer Nähe des Klostereingangs, die Skulpturenausstellung « à quoi servent les moines? » („Wozu dienen die Mönche?“) von Jean-Pierre Augier gezeigt. Der Künstler verwendet alte Werkzeuge und Eisenobjekte, die er durch die Technik der „Assemblage“ in Figuren oder Tiere in Bewegung verwandelt. Mit seiner Arbeitsweise rettet er diese Gegenstände vor dem Vergessen, vor der Nutzlosigkeit und der Zerstörung. Statt zum Schrott oder zur Einschmelzung bestimmt zu sein, erhalten sie durch seine künstlerische Bearbeitung eine neue Form als Kunstwerk. Sein Werk zeichnet sich durch Harmonie, Ausgewogenheit und lineare Reinheit aus.
Die Ausstellung ist während der gesamten Sommersaison 2025 in der Kapelle Saint-Pierre zu sehen.
«Murmures d´Aiguebelle» („Flüstern aus Aiguebelle“)
Fotografieausstellung von Isabelle Martinet Milano
Abtei Notre Dame d´Aiguebelle – Zisterzienser
Auf dem Weg nach Norden lohnt sich ein kleiner Stopp bei den Zisterziensern von Aiguebelle, einem kleinen Dorf südlich von Montélimar im Département Drôme . Dort führen 17 Mönche, ein kontemplatives Gebets- und Gemeinschaftsleben.
Im Sommer und Herbst 2025 wird in dem Kloster eine Fotografieausstellung mit Bildern der Künstlerin Isabelle Martinet Milano gezeigt. Die lokale Fotografin möchte die Schönheit der Schöpfung in Bildern festhalten. In ihrer Reihe „Flüstern aus Aiguebelle“ zeigt sie Bilder des Klosters, der Umgebung und der Mönche. Passend zur Fotografierreihe hat sie einen lyrischen Text formuliert. Darin heißt es:
„Und die Gebete, die emporsteigen und entweichen, verlassen die Kirche und das Kloster, schleichen sich zu den Bäumen, den Statuen, den Vögeln wie der Nebel, der sich ausdehnt und über die umgebende Welt legt bevor er noch weiter zieht.“
Am 21. Juni fand die Vernissage statt und die Ausstellung ist bis zum 4. Januar 2026 zugänglich.
jean-louis zimmermann, CCA 2.0. wikimediaArchäologische Funde und Kirchenfenster
Abtei Notre Dame de Ganagobie – Benediktiner, Gemeinschaft Hl. Maria Magdalena aus Marseille
Weiter östlich, bereits in den Alpen, im Département Alpes-de-Haute-Provence, hoch über dem Ufer der Durance findet sich ein Benediktinerkloster, das Schätze aus dem Mittelalter ebenso wie moderne Kunst beheimatet.
Espirat, CCA-SA 4.0. wikimediaDie Klosterkirche ist von einem bedeutenden romanischen Bodenmosaik geschmückt. Es wurde um das Jahr 1124 geschaffen und erstreckt sich heute über eine Fläche von 72 Quadratmetern, ursprünglich sogar 82 Quadratmeter. Das Mosaik, das in der Apsis der Kirche liegt, wurde aus farbigem Marmor und Kalkstein gefertigt und zeigt eine Mischung aus christlichen Symbolen und fantastischen Kreaturen: Ritter kämpfen gegen Fabelwesen, und Motive wie der heilige Georg, der den Drachen besiegt, stehen für den Triumph des Guten über das Böse. Das Mosaik wurde im 19. Jahrhundert wiederentdeckt und restauriert und gilt als bemerkenswertes Zeugnis mittelalterlicher Kunst.
Nach den Zerstörungen während der Französischen Revolution verfügte die Kirche des Klosters Ganagobie lange Zeit nur über schlichte, durchsichtige Fensterscheiben. Im Jahr 2006 erhielt sie endlich wieder farbige Glasfenster, gestaltet von dem Künstler und Dominikaner Kim En Joong. Geboren 1940 in Korea, verbindet Kim En Joong in seinen Werken spirituelle Tiefe mit moderner künstlerischer Ausdruckskraft. Die neuen Fenster wurden in den Ateliers Loire bei Chartres gefertigt.
«Le Saint Suaire. Un signe d´espérance» („Das Grabtuch von Turin. Ein Zeichen der Hoffnung“)
Schatzkammer und archäologische Stätte
Abtei Saint Maurice (CH) – Gemeinschaft der Kanoniker
Wenn man die Grenze nach Osten überquert, gelangt man in die Schweiz an. Dort, im französischsprachigen Teil des Landes, befindet sich die Abtei Saint-Maurice.
Die Abtei, die sich aktuell der Herausforderung der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt stellt, richtet zugleich im Rahmen des Heiligen Jahres einen Blick auf das Turiner Grabtuch. Aus diesem Anlass findet sich derzeit in der Basilika der Abtei eine Ausstellung . Im Mittelpunkt steht eine originalgetreue Replik des berühmten Grabtuchs. Beleuchtet wird nicht nur die religiöse Bedeutung des „Saint-Suaire“, sondern der Blick richtet sich auch auf die zahlreichen wissenschaftlichen und historischen Untersuchungen, die diese Reliquie bis heute umgeben.
Odrade123, CCA-SA 3.0. wikimediaDas Kloster ist zugleich selbst Ort einer bedeutenden Sammlung. Auf dem Weg nach Rom war die Abtei seit dem frühen Mittelalter eine Station für Pilger, Könige, Kaufleute, und Reisende aller Art. In der Abtei verehrten sie die Märtyrer der Thebäischen Legion. Zeugnis dieser Verehrung über die Jahrhunderte sind kunstvolle Reliquiare oder weitere kostbare Gegenstände. Im Vertrauen auf die wirksame Fürsprache des Hl. Mauritius und seinen Gefährten hinterließen die Pilger Zeugnisse ihres Glaubens. Diese Gaben bilden heute den Schatz der Abtei. Unter anderem werden in der Sammlung merowingische und karolingischen Stücke gezeigt, zu denen im 12. Jahrhundert der Mauritius- und der Sigismund-Schrein, der Schrein des Abtes Nantelmus sowie das Candidus-Kopfreliquiar hinzukamen (siehe Bild).
Die Abtei gilt als ältestes Kloster des Abendlandes, das ohne Unterbrechung besteht. In drei Ausgrabungskampagnenwurde der Geschichte des Klosters auch archäologisch nachgegangen. Die erste Kirche wurde bereits im 4. Jahrhundert vom Hl. Theodul erbaut. Im 6. Jahrhundert gilt König Sigismund von Burgund als Stifter des Klosters.