www.angelika-kamlage.deDas Lied „Geh´ aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…“ hat es nicht nur ins Evangelische Gesangbuch, sondern auch ins Volksliedgut geschafft und ist wahrscheinlich den älteren Sängerinnen und Sängern vertraut. Der Dichter Paul Gerhard kriegt sich gar nicht mehr ein in der Beschreibung der sommerlichen Naturbeobachtungen. Wenn auch seine Sprache verstaubt klingt – in die Begeisterung über die Sommerfreuden können wir einstimmen. In der zeitgemäßen Liste würde vielleicht stehen: Badesee und Biergarten, Morgenkühle und laue Sommernächte, Grillvergnügen und Eisdiele, Urlaubszeit und langsamerer Alltag. Wir sind auf Genussmodus eingestellt. – Aber… Aber manchmal oder auch oft schleicht sich ein Aber ein. Geht Genuss überhaupt angesichts der Weltlage? Es funkt dazwischen: der Klimawandel, die Erderhitzung, der gesunkene Grundwasserspiegel, Waldbrandgefahr, Dürreschäden, Ukraine und Russland, Israel und Gaza und Iran, Trump und seine Leute, Natoaufrüstung, Rechtsruck, Autokratismus, Gefahr für unsere Demokratie… Weltsorgen versus Sommerfreuden!
Wie damit umgehen? Verdrängen gilt nicht. Miesepetriger Verzicht auf Lebensfreude und Entspannung wäre sehr schade – und meiner Meinung nach nicht im Sinne Gottes. Wir stehen in dieser Spannung: Unsere Welt ist schön und schrecklich zugleich; die Wirklichkeit ist so. – Um wieder auf Paul Gerhard zu kommen. Er hat sein Lied im Jahr 1653 geschrieben, nur 5 Jahre nach dem Ende von 30 katastrophalen Kriegsjahren, im Angesicht von verwüsteten Landschaften, im Erleben von Seuchen, Verlust und tiefgreifenden Veränderungen. Offensichtlich hat er die Spannung ausgehalten und wollte mit seinem Lied Trost und Perspektive schenken. Das Lied besteht aus 15 (!) Strophen und es lohnt sich, den Text einmal bis zum Ende zu lesen. Er bleibt nämlich nicht beim begeisterten Lobpreis stehen und auch die Sehnsucht nach dem himmlischen Paradiesgarten ist für ihn keine Lösung. Er lädt dazu ein, den eigenen Beitrag zu leisten in der Sorge für die großen Dinge dieser Welt. Über die kleinen Dinge jedoch dürfen wir uns getrost freuen und die Sommerfreuden dankbar genießen. Einen schönen Sommer!